20 Jahre Loveparade – und keiner geht hin
Von Sasch • 15. Januar 2009 • Kategorie: Klartext Sasch
Wir schrieben das Jahr 1989. Ein DJ mit dem einprägsamen Namen „Dr. Motte“ hatte die Idee in Berlin eine Parade abzuhalten. Ein Happening für Liebhaber der Techno-Musik. Verbunden wurde es mit einer Botschaft für Liebe und Frieden. So der Anschein. Im Grunde jedoch war die Loveparade nichts anderes als eine große Party die Jahr für Jahr mehr zum Geschäft wurde. „Friede, Freude, Eierkuchen“ war das Motto der ersten Loveparade und machte den fehlenden Sinn dieser Veranstaltung deutlich. Das Konzept jedoch zog jedes Jahr mehr Menschen an. Zu Spitzenzeiten tummelten sich 1,5 Millionen durchgeknallte Technoten rund um die Siegessäule, liefen Lastwagen hinterher, die mit brüllend lauten Lautsprechern bestückt waren und aus denen undefinierbares Wummern zu hören war. Ganz nebenbei pisste die Menschenmenge den Tiergarten voll, müllte die ganze Stadt zu und waren Arbeitgeber für hunderte von Ärzten, die sich um kreislaufkollabierende Freaks kümmern mussten. Derweil schaute die ganze Welt verwundert nach Berlin und fragte sich: „Was machen die Deutschen denn da?“. Natürlich kann man sagen, dass es etwas positives hat wenn sich Millionen von jungen Leuten friedlich versammeln um einfach nur Spaß zu haben. Ich muss aber zugeben dass meine Würgbereitschaft stieg sobald das anspruchsvolle Motto der nächsten Parade bekannt gegeben wurde. Hier eine kleine Auswahl der inhaltsschwangeren Ankündigungen: „My House Is Your House And Your House Is Mine“ (1991), „The Spirit Makes You Move“ (1994), „Join The Loverepublic“ (2001) und der Gipfel der Peinlichkeit von 2008: “Highway To Love“. Schnell wurde deutlich, dass es sich nicht um eine inhaltliche Veranstaltung handelte sondern um eine Methode aus dem Recht der Versammlungsfreiheit und einer „angemeldeten Demonstration“ Kapital zu schlagen. Das Verschachern der Fernsehrechte brachte ordentlich Knete in die Kasse. Dem Schwarzmarkthandel wurde ebenso eine Bühne gegeben wie auch Sponsoren, die für ihre Werbung ordentlich in die Taschen greifen mussten. Das Geld floss zur Loveparade GmbH. Aufgrund dieser unangenehmen kommerzialisierung einer vormals Spassveranstaltung spaltete sich ein Teil der Leute ab und veranstalteten eine alternative Parade, die unter dem Namen „Fuckparade“ bekannt wurde. Um ehrlich zu sein: weder dem Original noch der Alternative trauere ich ein Tränchen hinterher. Zum 20. Geburtstag dieses Jahr wurde die Loveparade abgesagt. Seit 2007 ohnehin nicht mehr in Berlin stattfindend sollte Bochum dieses Jahr der Austragungsort sein. Allerdings erst jetzt fällt den Organisatoren auf, dass Bochum verkehrstechnisch nicht in der Lage sei 1,5 Millionen Menschen aufzunehmen. Wahrscheinlich hatte man sich zu lange mit einem neuen Schwachsinnsmotto beschäftigt um bereits im Vorfeld sich über die Verkehrssituation Gedanken zu machen.
Ich werde nur eine Sache vermissen: Gotthilf Fischer, der auf einer Bühne stehend versucht mit der Techno-Gemeinde „Hoch auf dem gelben Wagen“ anzustimmen. Dies hat er einst versucht. Als Dank wurde ihm ein berauschendes Mittel in sein Getränk geschüttet, das er ahnungslos zu sich nahm. Er hatte Glück: die Loveparade kann man ohnehin nur „stoned“ ertragen.
Bild von the4v3ry von Flickr unter folgender Lizenz
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