Aufstand der Alten
Von Sasch • 18. Oktober 2008 • Kategorie: Artikel des Monats
Wer glaubt, dass die aktuelle und moderne Pop- und Rockmusik von neuen Talenten getragen wird, der verfällt mit dieser Meinung langsam ins Hintertreffen. Das sogenannte „Frischfleisch“ in den Charts ist längst nicht mehr alleiniger Verfechter des Ruhms. Die Alten stürmen vermehrt nach vorn. Um zu verhindern, dass es sich hier um Gammelfleisch handelt, wird ordentlich mit plastischer Chirurgie oder Fitness-Programmen nachgeholfen. Und die Produkte der sogenannten „Alten“ zeigen ebenfalls, dass sie noch längst nicht ihren Schwung verloren haben. Tina Turner, Elton John, Paul McCartney, Madonna, Michael Jackson, inzwischen auch Metallica, von den Rolling Stones ganz zu schweigen, auch Queen ist zurück … durch die Bank Musiker, die Altersmäßig das Verfallsdatum des Jugendwahns längst überschritten haben, dominieren die Musikszene … in allen Sparten. Dabei kommt es gar nicht auf den Charterfolg an, sondern sie beeinflussen die verschiedenen musikalischen Stile mehr als irgendwelche One-Hit-Wonder, tolle Talente, von denen nach einem Jahr niemand mehr spricht. Auffällig ist der Rückgang der Karriere-Halbwertszeit von „Stars“ nach Ende der 80er Jahre. Fast bei allen Musikern, Bands, die in den 90er Jahren und danach erfolgreich wurden ist keine lange Ruhmesphase mehr gefolgt. Ich möchte nur einzelne Beispiele herausgreifen:
Alanis Morissette gelang 1995 das damalig erfolgreichste Debüt-Album aller Zeiten. „Jagged Little Pill“ verkaufte sich rund 30 Millionen mal und war der Hit des Jahres. Songs wie „You Oughta Know”, “You Learn”, “Hand In My Pocket” und das unschlagbare “Ironic” prägten diese Jahre. Sie ist eine großartige Sängerin, schreibt ihre Songs mit beeindruckenden Texten selbst und besitzt eine große Bühnenpräsenz. Heute, 13 Jahre und einige Alben später, ist es stiller, fast zu still um sie geworden. Ihren nachfolgenden Alben hatten zwar auch Erfolg, doch aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand sie weitestgehend. Überlegen wir uns folgendes Szenario: In einer deutschen Stadt finden morgen Abend gleichzeitig zwei Konzerte statt. Eins mit Alanis Morissette, und das andere, sagen wir mal mit Eric Burdon. Ich wette, dass dem Konzert mit Eric Burdon mehr öffentliche Aufmerksamkeit zuteil würde. Zu Alanis gehen mehr Leute, aber über Burdon würde mehr berichtet werden. Dieser ältere Herr hatte zwar seit über 30 Jahren keinen Hit mehr, doch sein Song „The House Of The Rising Sun“ von 1964 kennt noch immer jeder. Wird das bei „Ironic“ in 30 Jahren auch noch so sein? Burdons musikalisches Schaffen hat sich in das Gehirn eingebrannt. Er hat Dinge bewegt. Der Auftritt von einem inzwischen 66 Jahre altem Paul McCartney bei einer Verleihung des American Music Awards wäre der Höhepunkt des Abends .. selbst wenn vor ihm Justin Timberlake, Kid Rock und 50 Cent auftreten würden. Tina Turner füllt Stadien mit zarten 69 Jahren, und das Publikum besteht aus allen Altersschichten. Von jung bis alt. The Rolling Stones befinden sich in einer weltweiten Monster-Karriere, seit über 40 Jahren. Der 61jährige Gitarrist der „Stones“, Ron Wood, ist dabei das jüngste Mitglied. Auch Metallica kann als Beispiel dienen. Gegründet wurde diese Band bereits vor 27 Jahren, das Debüt-Album erschien 1983, der erste Mega-Erfolg „Master Of Puppets“ war 1985. Medien und Fans überschlagen sich, wenn Metallica ein neues Album herausbringt (wie gerade geschehen) und der 45jährige Frontmann James Hetfield ist wild und rau wie eh und je.
Auf einem anderen Musiksektor ist Depeche Mode noch immer ein Knaller. Gegründet vor 28 (!!!) Jahren beginnen sie gerade wieder eine Welttournee. Sie schwimmen auf der Erfolgswelle ganz oben. Der Sänger der Band, Dave Gahan, ist auch schon 46 Jahre alt. Andere sind in diesem Alter bereits Großvater.
Auch Madonna, inzwischen 50 Jahre alt, beherrscht noch immer die internationale Musikszene.
Ich frage mich, ob in 25 Jahren noch jemand weiß wer Eminem war?
Woran liegt das? War das Ende der 80er Jahre ein Schwellenpunkt in der internationalen Musikentwicklung? Ich sage ja und behaupte wir leben im Untergang der Pop-Kultur. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Bereits zu Mitte der 50er Jahre änderte sich das Gesicht der modernen Musik. Künstler wie Bill Haley und Elvis Presley führten einen neuen Musikstil ein, auf den sich in den folgenden Jahrzehnten nahezu alles aufbaute was wir heute in den Charts finden können. Wenige Urgesteine sind in den Charts sogar noch übrig geblieben. Cliff Richard gelang 1959 sein erster Nummer 1 Hit mit „Living Doll“ und ist bis heute auch mit Chartplatzierungen vertreten…bereits in sechs verschiedenen Jahrzehnten…das siebte folgt bestimmt.
In den 60ern baute der Beat und der Rock auf dem Rock n Roll der 50er Jahre auf. In den 70er Jahren fächerte sich der Musikmarkt auf durch die Erfindung des Keyboards ende der 60er und die Einbeziehung elektronischer Klänge. Pink Floyd begannen und Kraftwerk führte es weiter. Daraus folgte Disco, in den 80ern (Synthie)-Pop, in den 90ern Techno mit all seinen Aufspaltungen. Im rockigen Bereich wurde es immer härter. Auf Rock folgte der Hard Rock und Punk der 70er, Heavy Metal wurde in den 80er Jahren erfolgreich. In den 90er Jahren folgte noch mit kurzer Lebenszeit Grunge und Crossover. Den Rap dürfen wir nicht vergessen. Enstehend in den 70er Jahren schien er wieder etwas völlig neues zu sein und ist bis heute (Hip Hop) erfolgreich.
Zu früheren Zeiten war es für viele wesentlich einfacher auf dem Musikmarkt Fuß zu fassen. Neue Ideen waren haufenweise vorhanden. Wegbereiter für musikalische Entwicklungen wurde man schnell. Schlüsselzeit für Innovation in der modernen Musik waren wohl die 60er Jahre. Möchte man heute als Musiker erfolgreich sein sind die Chancen weitaus geringer. Die Musikindustrie ist härter geworden und die Suche nach etwas Neuem bleibt oft erfolglos.
Was brauchen wir? Ich würde sagen die Erfindung einer völlig neuen Musikrichtung. Da sie aber noch nicht erfunden wurde kann auch keiner, ich am allerwenigsten sagen, was das sein könnte. Eine neue, musikalische Revolution wie in den 50er Jahren ist dringend erforderlich.
Alte Legenden zu bejubeln ist zwar sehr angenehm, aber für die Zukunft wird das nicht mehr ausreichen. Oder sollen die Stones noch einmal 40 Jahre weitermachen?
Bild von pokpok313 von Flickr unter folgender Lizenz
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