Jeff Buckley / Grace
Von Sasch • 22. Juni 2008 • Kategorie: Artikel des Monats
Es ist kein neues Album…aber eines der schönsten die je erschienen sind.
Hier meine Liebeserklärung an Jeff Buckley und das Album “Grace”:
Zurückgelehnt im Sessel, den Raum abgedunkelt, laut aufgedreht: So sollte man dieses Album hören.
Mit ruhiger Gitarre beginnt der erste Song „Mojo Pin“. Mit einer summenden Stimme zieht uns Buckley sofort in seinen Bann und der langsame Tanz beginnt.
„I’m lying in my bed, the blanket is warm
This body will never be safe from harm
Still feel your hair, black ribbons of coal
Touch my skin to keep me whole”
Sofort verliebt man sich in diesen Mann, der solch schöne Zeilen mit seiner zarten Stimme singt. Langsam baut der Song sich auf…wird lauter…wilder…bis er zu einem regelrechten orgastischen Ende ansetzt…nach der die langsam ausklingende Ruhephase wieder eintritt.
„Grace“ ist der Titelsong des Albums, der nun folgt.
„There’s the moon asking to stay
Long enough for the clouds to fly me away
Well it’s my time coming, I’m not afraid to die
My fading voice sings of love,
But she cries to the clicking of time
Of time”
Mit schnellen Gitarrenrhythmen und dem schönen Gesang berauscht dieser Titel. Rockig und doch melodiös, eine Mischung die mich schon immer fasziniert hat. Ich wippe mit im Sessel…vor meinen Augen spielen sich wilde Szenen ab…Traumbilder…eingeschlichene Szenen…dazu die Stimme von Jeff die 100 Oktaven zu umfassen scheint.
„Last Goodbye“ ist ein Abschiedslied ganz besonders schöner Form. Es ist nicht ein normaler Abschied, es ist der Letzte. Noch einmal die Aufforderung mich zu küssen und dann zu gehen…für immer.
„This is our last goodbye
I hate to feel the love between us die
But it’s over
Just hear this and then I’ll go
You gave me more to live for
More than you’ll ever know
Kiss me, please kiss me
But kiss me out of desire, babe, and not consolation
You know it makes me so angry ’cause I know that in time
I’ll only make you cry, this is our last goodbye”
Schade dass dieser Song nie ein Hit wurde, schade dass Buckley so unbekannt blieb…dieser Titel hätte ihm Millionen eingebracht. Für mich ist er einer der tragenden Songs dieses Albums.
„Lilac Wine“ ist ein alter Song von Nina Simone, den Jeff Buckley ohne Anflug von Peinlichkeit wunderschön darbringt. Da „Grace“ das einzige Album ist, das er zur Gänze im Studio produzierte…und ihm eigene Kompositionen zur Fertigstellung fehlten nahm er auch gecoverte Songs auf diesen Longplayer. Die Auswahl der „geliehenen“ Songs ist gewagt aber perfekt gelungen.
„So Real“ ist für mich der Höhepunkt dieses Albums. Wenn man auf einen Song weinen möchte…dann sollte man diesen nehmen.
„Love, let me sleep tonight on you couch
And remember the smell of the fabric
Of your simple city dress
Oh… that was so real
We walked around til the moon got full like a plate
The wind blew an invocation and I fell asleep at the gate
And I never stepped on the cracks ’cause I thought I’d hurt my mother
And I couldn’t awake from the nightmare that sucked me in and pulled me under
Pulled me under
Oh… that was so real
I love you, but Ii’m afraid to love you
I love you, but I’m afraid to love you”
Es ist der gesamte Text des Liedes, dass so angenehm, so sensationell ist, dass es einem die Sprache verschlägt. Selbst das Getöse im Mittelteil des Songs mit dem anschließenden „I love you“ macht mich jedes Mal bewusstlos vor Staunen. Dieser Song ist „so real“, dass man nicht anders kann als ihn wieder und wieder zu hören…
„Hallelujah“ ist das bekannteste Stück Buckleys, das in seiner Reinheit und Schönheit unübertroffen ist. Mit einer einzigen Gitarre und seinem unglaublichen Gesang bringt er es fertig eine Gänsehaut nach der anderen zu erzeugen. Leonard Cohen schrieb dieses Stück und ich habe nie die Originalversion davon gehört…möchte ich auch nicht…niemals…sie würde an Jeffs Version auf keinen Fall heranreichen. Ich bin nicht spirituell genug den Text wirklich in mich aufzunehmen…doch die Vortragsweise des Songs erschüttert mich…wie kann ein Mann nur so schön singen? Ich kann heute noch verstehen, dass ich mich mit Mitte 20 so stark in Jeff Buckley verliebte. Aber richtig verliebte. Es war keine Schwärmerei wie man es bei Jugendlichen kennt…nein: es war echte Liebe. Ich sah Bilder von Jeff, hörte seine Stimme, seine Texte, seine Musik…und es war um mich geschehen. Ich träumte nachts von ihm, ich dachte am Tag an ihn. Bis ich mich schließlich hinsetzte und einen langen Brief an ihn schrieb. Mit meinem damals noch holprigen englisch schrieb ich die Liebe aus mir heraus…lobte ihn…gestand ihm meine Liebe und lud ihn nach Deutschland ein. Diesen Mann zu treffen wäre mit Sicherheit der bedeutendste Moment meines Lebens gewesen. Selbst wenn er mich nicht besuchen würde…eines Autogramms war ich mir sicher. Ob auf mein Brief eine Antwort kam? Dazu später…zuerst die letzten Töne von „Hallelujah“ die ich höre, während ich diese Zeilen schreibe…
Eine Weingarantie bietet auch der nächste Song: „Lover, You Should’ve Come Over“. Der perfekte Song zu meinen Gefühlen für ihn. Ja bitte, komm über den großen Teich zu mir, mein Liebster, und mache mich glücklich mit deinem Gesang, mit deinem Lächeln…sei einfach nur da.
“So I’ll wait for you… and I’ll burn
Will I ever see your sweet return
Oh will I ever learn
Oh lover, you should’ve come over
‘Cause It’s not too late”
Doch…es war zu spät…mein Brief erreichte ihn nicht mehr. Nur dieser Song, den ich immer wieder sang, brennend vor Sehnsucht, wartend darauf, dass er meine Schulter, meine Nacken küsst. Ich war und bin mir sicher…diesen Song hat er nur für mich gesungen. Er ist so perfekt. Er passt zu 100% auf meinem Musikgeschmack. Jeff Buckley wäre der wahre Mann für mich gewesen. Lover come over…it’s not too late…
“Corpus Christi Carol” ist wieder erschütternd. Ein christliches Lied von Benjamin Britten. Noch heute schmerzt es mich diesen Titel zu hören…was soll ich dazu noch schreiben? Seine Stimme genießend, mit einer Träne im Auge…schweigend…staunend.
„And on this bed there lyeth a knight
His wound is bleeding day and night”
“Eternal Life” ist der Rocker des Albums. Hier schreit er tatsächlich…hier lässt er alles aus sich heraus.
“And as your fantasies are broken in two
Did you really think this bloody road would pave the way for you
You better turn around and blow your kiss hello to life eternal
Angel”
Kraftvoll, dennoch mit beeindruckend angenehmer Melodie, zeigt er was in ihm steckt: nicht nur der Gefühlvolle, Zärtliche…sondern auch der Verrückte, der Draufgänger. Die Welt liegt auch ihm zu Füßen…dachte er. Auch er irrte sich…wie viele vor ihm.
„Dream Brother“ ist der geniale Abschluss dieses Ausnahme-Albums.
„There is a child sleeping near his twin
The pictures go wild in a rush of wind
That dark angel he is shuffling in
Watching over them with his black feather wings unfurled”
Traurig…auch hier riecht es nach Abschied…ganz stark sogar. „Dream brother…With your tears scattered round the world.” Ich kann nur noch von ihm träumen. Eine Antwort auf meinem Liebesbrief bekam ich…allerdings nicht von ihm. Er starb bevor ihn mein Brief erreichte. Mit nur 30 Jahren ertrank er im Mississippi, weil er ihn durchschwimmen wollte. Der Draufgänger wollte einem Freund beweisen, dass er das schaffen könnte. Er wurde jedoch von einer Schiffsschraube erfasst…und erst Tage später fand man ihn…tot. Als ich es in den Medien erfuhr weinte ich. Ich hatte das Gefühl meine Liebe verloren zu haben. Dazu verlor die Welt einen unglaublich begabten Künstler, einen schönen, jungen Mann mit einer begnadeten Stimme.
Es war ein Schreiben von Jeff Buckleys Mutter an seine Fans, das mich erreichte…fast ein Jahr nach seinem Tod. Ein Dank an alle, die an ihren Sohn geglaubt haben, die ihn gemocht…ja, geliebt haben. Ein Plektron war dem Brief beigelegt…ein Autogramm war nicht mehr möglich. Wie sehr habe ich mir gewünscht er hätte meine Zeilen noch gelesen. Hätte gewusst, dass in Deutschland ein junger Mann sitzt, der ihn verehrt, geliebt hat.
Selbst der Umstand, wie ich auf Jeff Buckley in Deutschland aufmerksam wurde war eine Geschichte für sich. Ich lernte einen jungen Mann kennen. Das Aussehen wie ein Engel, der Humor und die Intelligenz war geradezu berauschend von diesem Kerl. Er war ein DJ-Kollege und ich hatte mich in ihn verguckt…wie auch meine beste Freundin. Ich freundete mich mit ihm an, wir führten lange Gespräche. Dass er hetero war störte mich nicht im geringsten in meiner Bewunderung für ihn. Eines Abends saßen wir bei ihm zu Hause. Er spielte uns etwas auf seiner Gitarre vor. Es klang gut. Dann sagte er, er hätte Aufnahmen von sich und legte eine Kassette ein. Erste Töne erklangen…der erste Gesang…es war wunderschön. Wochenlang bekniete ich ihn mir diese Aufnahmen zu überlassen, die ich nur einmal gehört hatte. Sie hatten mich in Mark und Bein getroffen…so schön fand ich sie. Er sagte jedoch, diese Aufnahmen seien wie ein Tagebuch für ihn…er könne sie mir nicht geben.
Eines Abends sah ich dann im Fernsehen auf einem dritten Programm ein Konzert eines mir unbekannten Künstlers…und ich erkannte sofort diese Stimme, diesen Song. Es war das gleiche was mein „Freund“ mir einst vorspielte. Es war jedoch nicht er selbst…es war Jeff Buckleys „Mojo Pin“.
Ich kaufte mir das Album „Grace“ und meine Liebe begann…wie nun ausführlich beschrieben.
Das Plektron aus dem Brief von Jeffs Mutter steckt in der Hülle der CD „Grace“, die nunmehr seit Jahren als Schatz unberührt im Schrank liegt. Ebenso lange habe ich diese CD nicht mehr gehört. Ich hebe sie auf für besondere Momente. Ich möchte die starken Gefühle erhalten, konservieren, die ich beim Hören dieser Musik habe. Aber heute, beim Schreiben dieses Berichts startete ich das Musikprogramm und habe die Songs nach Jahren wieder gehört…und geweint. Das reicht jetzt wieder…für die nächsten Jahre…
Als Zusatz zu diesem Artikel gibt es ein Video:
Bilder von Jeff Buckley…dazu hört ihr sein „Hallelujah“
Link: de.youtube.com
Bild von dream sister von Flickr unter folgender Lizenz
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