Ich bin nichts, ich kann nichts: gebt mir ein Mikrofon – nun bin ich ein super Star
Von Sasch • 19. Mai 2008 • Kategorie: Klartext Sasch
Würde man Casting-Shows trocknen, pulverisieren und in kleine Tütchen abfüllen, wären sie als Brechmittel wirklich Superstars.
Wer hat den Großteil dieser Möchtegern-Stars bloß auf die Öffentlichkeit losgelassen? Achja, es waren die geldgeilen Fernsehmacher, denen bisherige Reality-Shows zu langweilig wurden. Es musste ein Konzept her also schaute man sich im Ausland um. Good old Britain und das Bush-Land der unbegrenzten Möglichkeiten bieten auch da viele Ideen. Aus der netten Vorstellung Talente zu suchen um sie zu fördern wurde jedoch ein Misch aus Schadenfreude, Tränen und Lacherfolg. Im Vergleich dazu war der ehrlich gemeinte “Talentschuppen” aus vergangener Zeit eine Kaffeefahrt. Das heutige Rezept: man setzt ein arrogantes Großmaul und zwei unbedeutende, angebliche Musikkenner in die Jury und lässt das Elend der verwahrlosten Jugend singend und heulend an ihnen vorbeiziehen. Immer schön die Kamera draufhalten, damit auch nicht die kleinste Peinlichkeit verloren geht. Aus dem ganzen Pulk des jammernden Sangesvolk werden schließlich die ausgesucht die sich entweder so zitternd anhören wie Johannes Heesters, oder verrückt aussehen und wohl auch sind oder die sonst irgendwie nicht alle Tassen im Schrank haben. Ein oder zwei Stinos (stinknormale) müssen natürlich auch dabei sein.
Dann gehts vor das große Publikum. Die Meute besteht aus kreischenden Teenies und den Eltern, Geschwistern, Omas, Cousinen dritten Grades, Nachbarn, Klassenkameraden und die süße minderwertige Freundin der vorgeführten Opfer. Dann stehen sie da, die hoffentlich bald Superstar werden: gestylt, gefönt, neu eingekleidet, 35 Euro Schminke im Gesicht und schmettern ihre Lieblingssongs ins Mikrofon, dass einem Angst und Bange wird. Die Jury ist sich einig: sie sind alle Stars…von den einen oder zwei Patzern des Auftritts mal abgesehen. In den Tagen zwischen den Shows schreiben sich die Zeitungen die Finger wund und das Fernsehen sendet alles, was nach Superstar riecht. Da werden wichtige Fragen beantwortet nach Lieblingsessen, Lieblingsplüschtier, Krankheiten, Familiengeschichte, Liebesleben…ich warte immer schon sehnsüchtig darauf, ob auch bald die Schwanzgrößen der Sänger oder der Umfang des Brustwarzenvorhofs der Sängerinnen bekanntgegeben werden.
Wer den “Wettbewerb” gewinnt steht ohnehin vorher bereits fest…zumindest für mich. Bei ALLEN Staffeln von DSDS sah ich die Kandidaten und wusste sofort wer gewinnen wird. Ich finde das traurig. Das Lächerliche an der ganzen Geschichte ist, wie sich der großmäulige “Musik”-Produzent dabei die Geldsäcke voll macht und die angeblichen Superstars nach bereits einem Jahr wieder ehemalige Superstars sind. Wo ist Alexander? Wie hieß die Gewinnerin aus der zweiten Staffel? Ist Tobias Regner noch immer still am burnen? Mark Medlock? Das war der Gipfel der Peinlichkeit. Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich mag ihn tatsächlich. Aber: wenn ich ein Interview von ihm sehe…oder vielmehr versuche zu hören “krabbel isch unnern Disch unn schmeiss am nächschde Daach e Atombomb uff Offebach”. Dabei ist er doch vom Schicksal sooo gebeutelt. Ok, auch andere haben oder hatten schwere Zeiten im Leben. Als Belohnung muss er aber jetzt von und mit Knittergesicht Bohlen unbedeutende Liedchen trällern, die musikalisch so viel Eleganz haben wie ein kirgisisches Abendkleid aus den 50ern.
Der diesjährige “Superstar” Thomas Godoj wird wohl zu dem gemacht, was seine VorgängerInnen auch wurden: ein bekannter Schlagersänger für ein Jahr. Meine Meinung wird bestätigt durch Pressestimmen, die ich mal gesammelt habe:
Stern: “Hackfleisch für die Charts. Thomas Godoj ist der neue “Superstar” – zumindest nach Wertung von “DSDS”. Mit seiner Rocker-Attitüde gewann er gegen “Schnulzenkaiser” Fady. Das Lied war dabei egal, die bessere Geschichte war entscheidend. Zart oder hart – es galt, das bessere Vermarktungskonzept zu testen.”
Kölner Stadtanzeiger: “Hits statt Hartz IV für den Superstar. Wir gratulieren. Und wünschen Thomas Godoj alles Gute; er wird es brauchen können.”
Kwick.de: “Ohne Plan B zum Sieg: Thomas ist der Superstar. Na ja, seien wir ehrlich. Es war zu erwarten.”
20 Minuten: “Er braucht jetzt keinen Plan B mehr, denn Plan A ist voll und ganz aufgegangen.”
Bunte: “Um eine Minute vor Mitternacht war es klar: 62 Prozent der Anrufer wählten Thomas Godoj vor Fady Maalouf zu Deutschlands neuem Superstar. Wirklich überraschend kommt das nicht.”
Berliner Kurier: “Thomas kam, sang und siegte. Feuer-Fontänen, kreischende Mädchen, heulende Eltern – das Final-Szenario war perfekt.”
Was musste ich da noch hören? Der arme Superstar Godoj muss einen Song vom dem Erfolgs”komponisten” singen, der bereits Hits hatte wie: “Du hast den schönsten Arsch der Welt” und “Du bist Porno”!!!
Ich hätte schon einen Namen für die Tütchen mit dem Brechmittel: wie wäre es mit “Kübelböck”?
Bild von baynado1978 von Flickr unter folgender Lizenz
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