So klingt eine Frau mit 50 – Madonna / Hard Candy
Von Sasch • 09. Mai 2008 • Kategorie: Reviews
„Like a virgin. Touched for the very first time”. Als Madonna das 1984 sang wurde ich das erste mal auf sie aufmerksam durch den Video-Clip dieses Songs. Ich sah eine mit Ketten behangene Blondine, die sich in einer Gondel räkelte und ich dachte: „Was ist das denn für eine widerliche Tussi?“. Ich vergab sofort meinen Titel „unbedeutendes Pop-Sternchen ohne Zukunft“ und war mir sicher: Von dieser Heulsuse höre ich nie mehr etwas! So kann man sich täuschen. Heute, im Alter von fast 50 Jahren, blickt Madonna auf 26 Jahre Musikkarriere zurück, hat ein Vermögen von 600 Millionen Dollar, ist die meistfotografierte Sängerin der Welt, Mitglied in der Rock and Roll Hall Of Fame, hat alle Preise bekommen und erreichte in den USA mehr Top Ten Hits als Elvis Presley. Das würde zur Beschreibung ihrer Karriere schon ausreichen. Doch gehen wir etwas tiefer. Für mich ist Madonna ein Phänomen. Kein Musik-Künstler (von David Bowie vielleicht einmal abgesehen) erfand sich so oft neu, wandelte sich von einem Extrem zum Anderen wie Madonna. Sie war immer am Puls der Zeit, erregte Aufsehen, eckte an, sorgte für Skandale und brachte Musik heraus, die stets modern und beeindruckend war. Man braucht sie nicht zu mögen, aber ihre Karriere muss man anerkennen, ob man will oder nicht.
Die Stationen ihres Lebens hier jetzt darzustellen würde den Rahmen dieser Seite sprengen. Ich möchte mich daher auf zwei Dinge beschränken: ihr neues Album und ihre Männer.
Beginnen wir mit dem Zweiten und der Erkenntnis, dass ich mit Madonna etwas gemeinsam habe. Den Männergeschmack! Wenn ich mir anschaue welche Typen Madonna in ihren Leben vernascht hat läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Nicht dass ich auf die Öffentlichkeit ihrer Beziehungen scharf wäre, es sind die Männer selbst, die mich faszinieren. Doch ich möchte ernst bleiben. Auch wenn Madonna den Eindruck erweckt eine Einzelkämpferin zu sein bin ich mir sicher, dass ihre Suche nach einem Mann als Stütze eine größere Bedeutung in ihrem Leben hatte, als sie es öffentlich zugeben würde. 1985 heiratete sie den amerikanischen Schauspieler Sean Penn. Ein herausragendes, viel zu oft unterschätztes Talent. Er war der raue Kerl, der Macho, das Sex-Tier schlechthin. Aus heutiger Sicht passte er zum Image von Madonna. Die Tabu-brechende Sängerin hatte sich einen gewalttätigen Schläger geangelt und zeigte somit, dass sie selbst ein raues Wesen sein wollte, das über Geschmacksgrenzen hinweg das eigene Image festigen sollte. In ihrer Liebe übersah sie jedoch, dass Penn ihr nicht die Stütze sein konnte, nach der sie suchte. Sean Penn fiel gerade Mitte der 80er durch seine Gewalt-Eskapaden auf. Er verprügelte einen Fotografen und landete wegen eines anderen Gewaltdeliktes für einen Monat im Knast. Wie so oft vermischte sich hier Genie und Wahnsinn, was auf viele eine ungeheure Anziehungskraft hat. (Wie auf mich, ich gebe es zu *schnüff*) Zu verdanken haben wir der Ehe von Madonna Louise Ciccone und Sean Penn das Album „True Blue“, das wohl noch heute zu den Besten ihrer Karriere zählt. 1989 kam es zur Scheidung und Madonna ging in sich, besann sich auf ihre Vergangenheit und Herkunft und verarbeitete ihre Seele in einem musikalischen Werk, das noch immer Bestand hat. Ihre Mutter starb mit fünf, dennoch erinnerte sich Madonna daran, dass Madonna Louise Fortin (die Mutter) ihr einst das Beten beibrachte. Durch die Ehe-Enttäuschung und der Rückblick auf ihr Leben erkannte sie, dass mehr in ihr steckte, als schmale Pop-Nummern zu produzieren um damit Geld zu verdienen. „Like A Prayer“ war der Ausdruck der neuen, nachdenklichen Madonna und förderte ihr erstaunliches Talent zutage, auch wenn sie es dennoch nicht ohne Übertreibungen und Skandale schaffte. Was mir als erstes ins Gedächtnis kommt wenn ich an „Like A Prayer“ denke ist der Geruch. Madonna ließ das Cover des Albums mit Weihrauch-Duft tränken. Ich weiß bis heute wie es roch…und dass dieser Geruch wochenlang das Zimmer meiner jüngeren Cousine verpestete. Selbst wenn man das Album nicht hörte oder sah, man hatte ständig in der Nase: „Madonna ist hier“. Skandalumwittert war natürlich das Video zum Titelsong. Ein schwarzer Jesus am Kreuz (der im Übrigen unglaublich gut aussah) war wohl zuviel für die arme Kirche und forderte Madonnas Exkommunikation. Das sollte jedoch nichts daran ändern, dass dieses Album einen unglaublichen Erfolg hatte und zu den Meisterstücken der amerikanischen Pop-Sängerin gehört. Zurück zu Madonnas Männern. Ihre zahllosen Affären (unter anderem mit dem Superschnuckel Nick Kamen) und ihre erotischen Projekte (Film und Musik) machten aus ihr den Männer fressenden Vamp. Bei fast allen ihrer Arbeiten der Nach-Sean-Penn-Ära spielte der Sex eine große Rolle, wurde in den Vordergrund gerückt. Bis irgendwann…ich mag es kaum aussprechen…ihr Alter in die Quere kam. Ende der 90er musste Madonna feststellen, dass sie eben nicht mehr das taufrische Sex-Symbol war, mit dem sie immer punktete. Auch in ihrem Wesen, ihrer Lebenseinstellungen traten Veränderungen auf. Ausgeprägtestes Beispiel für diese Wandlung ist die Heirat mit dem Softie Guy Ritchie. Gegen Sean Penn ist Ritchie nahezu eine Schlaftablette…aber eine gutaussehende Schlaftablette. Reflektierend, ein wenig in sich gekehrt und Öffentlichkeitsscheu stellte er das beste Beispiel für Madonnas Wandlung dar. Zuneigung, Halt, Stütze sind in Ritchie vereinigt. Auch der Umstand, dass Madonna 1996 erstmals Mutter wurde trug zur erheblichen Veränderung ihres Lebens bei. Sie wies sich in diesem Jahr auch das erste mal als Studentin des Kabbalah aus, einer mystischen Form des Judentums, und verarbeitete ihre Erfahrung damit zum Beispiel in dem Album „Ray Of Light“. Auch dieses Album ragt ungewöhnlich aus ihrer Diskografie heraus. „Frozen“ und der Titelsong „Ray Of Light“ haben eine deutlich höhere Qualität als die meisten anderen Arbeiten davor und danach. An der Seite von Guy Ritchie verschwandt Madonna zeitweise regelrecht. Sie wirkte unscheinbar, zurückgezogen, was man ihr noch vor zehn Jahren niemals zugetraut hätte. Doch inzwischen bricht sie wieder aus. Die alte Madonna scheint noch in ihr zu stecken. Vielleicht braucht sie nach jahrelangem in sich gekehrt zu sein wieder eine Phase, in der sie sich richtig austoben kann. Die Scheidung von Guy Ritchie kostete sie rund 30 Millionen britische Pfund. Ihre Musik bleibt wohl die einzige Konstante in ihrem Leben. Sie ist reifer geworden, aber sie ist noch immer Madonna!
„Hard Candy“ ist Madonnas brandneues Album, mit dem sie beweist, dass sie inzwischen zwei Gesichter hat. Das eine ist die Mutter und die Liebe zu ihren Kinder, das andere zeigt den Pop-Star, der noch immer keine Abnutzungserscheinungen aufweist. Zwölf neue Songs sind auf dem Album zu finden, geschmückt mit Gast-Stars, die sich ein Bein dafür ausreißen würden um nur einmal mit Madonna im Studio zu stehen. Es beginnt mit dem Song „Candy Shop“, der einen ungewöhnlichen, ansprechenden Rhythmus hat. Es wird sofort klar: auch hier haben wir es wieder mit einem Dance-Album zu tun. In einem Interview beteuerte Madonna, dass sie nach wie vor Lust darauf hat Dance-Musik zu machen. „4 Minutes“ ist der zweite Track und war zugleich die Vorab-Single. Justin Timberlake ist im Duett mit Madonna zu hören. Man braucht ein bisschen Zeit um den Titel zu mögen. Von Melodie und Arrangement ist es eher Durchschnitt. Doch es ist ein kommerzieller Dance-Track, der sofort die Spitzenpositionen der Charts eroberte. Die Mischung von Timberlake und Madonna ist eben ein Erfolgsgarant. Besonders auffällig nur die Aussage des Songs, dass wir eben nur noch vier Minuten Zeit hätten, die Welt zu retten. (tick-tack, tick-tack) “Give It To Me” wird die zweite Single-Auskopplung des Albums. Der Song kommt etwas ruhiger daher und bleibt leider hinter den Erwartungen zurück. Langweiliger Sound und Tralala. Ganz anders „Heartbeat“. Das geht schon mehr ins Blut und lädt zum Tanzen ein, dazu sind die Gesangsparts sehr stimmig und angenehm. „Miles Away“ wird wohl die dritte Single des Albums. Eine schöne Nummer bei der man jedoch sofort merkt, dass es Madonna ist. Zu sehr zeigt sich der Stil Madonnas wie ein roter Faden. Als Höhepunkt des Albums gedacht erscheint mir der Song jedoch nicht stark genug. Titel Nummer sechs „She`s Not Me“ ist schlichtweg langweilig. Zu häufig wiederholen sich Melodie und Passagen des Songs. Da haben wir wirklich schon besseres gehört. Ermüdend auch die Länge des Songs: müssen es denn über sechs Minuten sein? Ebenso lang ist „Incredible“ doch hat man hier mehr Spaß. Erneut ein ungewöhnliches Tempo gepaart mit der reinen Stimme Madonnas. Doch zu einem Dancefloor-Knaller wird auch das nicht reichen. „Beat Goes On“ ist sehr funky gestaltet und ist wirklich abewechslungsreich, auch durch den Duett-Partner Kanye West gewinnt der Song deutlich an Format. Bei „Dance 2night“ verrät schon der Titel um was es sich handeln soll. Ein Dance-Song, der dennoch nicht das Maß von „Music“ oder „Hung Up“ erreicht. „Spanish Lesson“ hingegen ist sehr einfallsreich und hat viel Chaca-Chaca. Hier jedoch stört der permanente Tempi-Wechsel und lässt den Song dabei etwas überladen wirken. „Devil Wouldn’t Recognize You“ sollte wohl die obligatorische Ballade des Albums werden. Doch hier passt der Rhythmus nicht wirklich zur Schönheit des Songs. Weniger wäre in diesem Falle mehr gewesen. Hörenswert ist er allemal. Den Abschluss bildet „Voices“, der mich schon eher anspricht. Ein nettes Liedchen, dass man zur Entspannung durchaus hören kann.
Das Gesamtbild des Albums würde ich nicht unbedingt zur Spitze von Madonnas Schaffen zählen. Sie klingt frisch und modern, aber es reißt mich nicht wirklich vom Hocker. Vielleicht muss ich es noch öfter hören um irgendwann volles Gefallen daran zu finden.
Meine All-Time-Hits von Madonna sind „Material Girl“, Like A Prayer“, „Frozen“, „Ray Of Light“ und „Music“. Meiner DJ-Playlist füge ich von dem neuen Album die drei Singles, sowie „Candy Shop“, „Heartbeat“ und „Beat Goes On“ bei.
Bild von luzer von Flickr unter folgender Lizenz
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PS: schönes Theme!
Grüße
Joachim
Genauso gut kann man ihre damalige Musik ebenso als Kommerz bezeichnen.
Also bitte.
Wenns so einfacher Kommerz ist, dann machs doch besser oder kannst du auf 26 Jahre Karriere zurückblicken?